Himbeer Magazin, „Kinder. Zukunft. Kunst.“, Juni 2019
Von: Ilka Lorenzen

Kinder. Zukunft. Kunst.

Die Berliner Künstlerin Rebecca Raue fand schon immer, dass Kunst und Kinder sich gegenseitig befruchten und für unsere Gesellschaft enorm wichtig sind. Mit Ephra hat sie nun einen ganz besonderen Raum für Kinder gegründet.

Ihre Bilder sind voller Leben und Gefühle und sehr bunt. Wenn es nach ihr ginge, würden wir in einer „Kardiokratie“ leben – also alle viel mehr mit dem Herzen sehen und entscheiden. Natürlich geht es um Kunst bei Ephra. Doch eigentlich geht es vor allem darum, die Herzen der Kinder zu erreichen und zu öffnen, ihnen neue und positive Erfahrungen zu ermöglichen.

Zehn Jungen und Mädchen sitzen im hellen Berliner Remise-Atelier von Rebecca Raue auf dem mit Farbklecksern gesprenkelten Holzfußboden in einer Art Gesprächskreis. Jedes Kind hat um sich herum mit buntem Tapeband sein eigenes „Haus“ abgeklebt und kreisrunde Zettel darin positioniert. Charaktereigenschaften, Hobbys oder Stärken sind darauf gekritzelt. Gar nicht so leicht, mal in sich zu gehen und auf zu schreiben, was man gut kann, wovon man träumt oder was man sich für die Zukunft wünscht.

Doch Aicha, Alica, Hussein, Linus und die anderen können das sehr gut und erzählen in dieser Runde sogar ganz offen. Zum Beispiel von dem Wunsch, irgendwann mal als YouTuber groß rauszukommen. Auch von Zaubertalenten ist die Rede oder davon, dass man sich gut um kleinere Geschwister kümmert, ganz genau zuhören kann oder gerne einmal ans Meer fahren würde.

Die Schüler sind acht bis zwölf Jahre alt, besuchen alle die Reinickendorfer Charlie-Chaplin-Grundschule und nehmen an dem Projekt Ephra unterwegs teil. Rebecca Raue hat in ihr Studio eingeladen, um die Kinder auf die anstehenden Atelierbesuche bei Berliner Künstlern vorzubereiten. Dass die Kids sich bei ihr wohl fühlen, zeigen sie nicht nur durch ihre Gesprächsbereitschaft. Ihr Vertrauen wird noch deutlicher, als die beiden achtjährigen YouTuber in spe einen coolen Rap aufs Parkett legen, während Rebecca fürs gemeinsame Abschlussessen die Nudeln in den Kochtopf wirft.

Die Ephra-Vision

Schon als Jugendliche hatte Rebecca Raue die Vision, Kinder mit Kunst in Verbindung zu bringen. Nachdem sie sich vorerst ganz ihrer eigenen Kunst verschrieben hatte, ein Kunststudium an der UdK absolvierte und jahrelang so intensiv wie erfolgreich als Künstlerin gearbeitet hat, gab die Geburt ihres zweiten Kindes den erneuten inneren Anstoß dafür, ihre Fähigkeiten noch über ihre Kunst hinaus in die Welt einbringen zu wollen.

Ihre frühere Vision begann wieder zu leuchten, Ideen und Konzepte hatte sie bereits kofferweise in Herz und Kopf. Nach einer ersten Ausstellung für Kinder im Amerikahaus und mehreren Kooperationen mit anderen Berliner Museen gründete sie 2018 Ephra – Kinder. Zukunft. Kunst. als gemeinnützige Unternehmergesellschaft. Ephra agiert seither an der Schnittstelle von Kindern und Künstlern und realisiert verschiedenste Projekte, Workshops oder Führungen.

Dabei geht es weniger darum, Kindern ein kunsthistorisches Wissen zu vermitteln oder ihnen das Zeichnen beizubringen. Bei Ephra unterwegs zum Beispiel können Kinder Berliner Künstler persönlich kennenlernen. „Eigentlich total einfach – aber das, was da passiert, ist ganz groß! Weil die Kinder dadurch in ganz neue Situationen eintauchen – sie sehen verschiedene Ateliers von innen und dürfen Fragen stellen: warum Erwachsene stundenlang an so kleinen Modellen rumbasteln zum Beispiel oder ob es Spaß macht, den ganzen Tag zu zeichnen. Dabei wird die Neugierde in den Kindern geweckt und sie erleben, dass ihre Fragen wichtig sind. Es ist toll, so nah dran zu sein an der Kunst.Staunen ist wunderbar!“

Aus der Vergangenheit in die Gegenwart für die Zukunft

Rebecca Raue hatte das Glück, schon von frühester Kindheit an zu erfahren, wie bereichernd Kunstwerke sein können, wie sie einen tief berühren und sogar verändern können. „Was ich geben kann, ist das Persönliche – aus dem künstlerischen Blick heraus. Ich kann den Kindern zuhören und sie sehen – oft ist es das, was Ephra ausmacht: gesehen und gehört werden. Und ich merke immer mehr, dass auch ich Ephra wirklich brauche. Der direkte, klare Austausch mit den Kindern und mit Künstlerkolleginnen ist mir unglaublich wichtig.“

Der Name Ephra geht übrigens zurück auf Rebeccas Ur-Großmutter, Marion Ephraimson, geboren 1889 in Berlin als Kind jüdischer Stoffhändler. Sie sei eine der Vielen gewesen, die damals schon für ein würdiges, gleichberechtigtes Leben aufgestanden sind.

„Ephra, der Name kommt von Herzen! Als Berlinerin, die das durch die Nazis verursachte Leid in den Genen trägt, ist es mir ein Anliegen, dass wir einander mit Respekt und hoffentlich sogar mit Liebe begegnen. Die Freiheit, in der wir gerade leben dürfen, ist ein unglaubliches Geschenk. Bei all den Problemen, mit denen wir heute umzugehen haben, ist meine Schlussfolgerung: Es sind die Kinder, die wir gut nähren müssen. Wenn wir sie in einen Gedankenreichtum und in eine Herzensfülle bringen, dann ist damit so viel gewonnen – denn es sind die Kinder, die in zehn Jahren wählen werden und unsere Gesellschaft gestalten. Und ich erlebe es immer wieder hier mit Ephra: diese Arbeit ist so krass fruchtbar!“

Für die Zukunft von Ephra träumt Rebecca Raue von einem eigenen Haus für Kunst und Kinder – einer Art Kindermuseum: „Ein Ort, an dem es um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Leben geht und Kinder trotzdem oder gerade deshalb besonders willkommen sind. Weil die Kunstwerke danach ausgewählt sind, dass sie die Fantasie anregen und Prozesse anstoßen.

Ein Ort des Austauschs, an den die Kinder immer wieder zurückkommen können und wollen, weil es Spaß macht. Ein Ort, der von der Kunst getragen ist, und der es versteht, die Kinder in ihrer Individualität in den Mittelpunkt zu holen.“ Das Ephra-Haus gibt es leider noch nicht – mit Ephra nun aber schon mal den wichtigsten Grundbaustein: einen geistigen Raum für inneren Austausch. Um dabei zu sein – als Kind, als Schulklasse, als Kunstschaffende: Einfach info@ephra.de anschreiben und sagen „Ich will mitmachen!“. Und dann das Herz ganz weit öffnen und ins Gespräch kommen!

Print und Online
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